Jochen Gerz : Heimkehr der Erinnerung (Fragen für Walter Benjamin) 1996

  • Jochen Gerz: Heimkehr der Erinnerung (Fragen für Walter Benjamin), 1996 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: DNB / Stephan Jockel (2017)

    Jochen Gerz: Heimkehr der Erinnerung (Fragen für Walter Benjamin), 1996 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: DNB / Stephan Jockel (2017)

  • Jochen Gerz: Heimkehr der Erinnerung (Fragen für Walter Benjamin), 1996 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: DNB / Stephan Jockel (2017)

    Jochen Gerz: Heimkehr der Erinnerung (Fragen für Walter Benjamin), 1996 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: DNB / Stephan Jockel (2017)

  • Jochen Gerz: Heimkehr der Erinnerung (Fragen für Walter Benjamin), 1996 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: DNB / Stephan Jockel (2017)

    Jochen Gerz: Heimkehr der Erinnerung (Fragen für Walter Benjamin), 1996 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: DNB / Stephan Jockel (2017)

Das weit ins Gefüge eines Blocks im Frankfurter Nordend eingreifende Gebäude der Deutschen Nationalbibliothek setzt sich aus mehreren Gebäudepartien zusammen, die jeweils durch ihre Funktionen bestimmt werden. Um den von der Straßenfront zurück gezogenen und flach überkuppelten Eingangsbereich gruppieren sich Lesesäle, Veranstaltungsräume sowie zwei entlang der Eschenheimer Straße parallel verlaufende lange Büroflügel. Während der zur Gartenseite hin gelegene Flügel eine Dachbegrünung aufweist, nimmt die Hälfte der Dachfläche des anderen, direkt an der Straße gelegenen Flügels eine langgestreckte Dachterrasse ein. Von ihr ist ein Blick über die gesamte Anlage der Nationalbibliothek samt der Gartengestaltung möglich und ein Rundblick auf Frankfurt. Da die Terrasse unmittelbar an den Tagungssaal anschließt, dient sie gleichermaßen zur Erholung in den Sitzungspausen wie zur Orientierung.
Für diese Dachterrasse hat Jochen Gerz eine Arbeit entworfen, die den Ort prägt. Auf zwei längs verlaufenden Schienen liegt schräg ein monumentales Regal aus Glas. Die Schienen führen auf die Giebelwand des angrenzenden Gebäudes zu. An dieser zeigt mit einer leicht anderen Farbgebung eine Art Schatten an, wo das Regal gestanden haben könnte. Vor der Wand ragt ein Lesepult auf; in silbernen Großbuchstaben auf rotem Grund hat Gerz vier Fragen hinterlassen.
Gerz hatte den Entwurf für seine Arbeit zunächst für die zentrale Halle vorgesehen. Hier korrespondierte das umgestürzte Regal mit einem Wandstück, welches zugunsten einer Glasfassade nicht zur Ausführung kam. An ihrem letztlich realisierten Standort hat diese Arbeit durchaus Vorteile: Die Installation befindet sich nicht in einer Durchgangssituation, sondern hat ihren eigenen abgeschlossenen Wirkungskreis. Dadurch kann sie während der Sitzungspausen nicht nur in Ruhe wahrgenommen werden; ihr Regal dient mitunter auch als Sitzgelegenheit.
Die Arbeit „Heimkehr der Erinnerung (Fragen für Walter Benjamin)“ bringt im Zusammenhang der Deutschen Nationalbibliothek einen nachdenklichen Impuls ein. Immerhin erinnert die Arbeit an Walter Benjamin, der während des dritten Reichs verfolgt wurde und sich 1940 auf der Flucht vor den weiteren Verfolgungen der Nationalsozialisten in Spanien das Leben nahm. Eine „Heimkehr der Erinnerung“ ist nicht nur ein räumlicher Impuls – schließlich lebte Benjamin einige Jahre in Frankfurt, um an seiner Habilitationsschrift zu arbeiten und zudem publizierte er in der Frankfurter Zeitung. Im Weiteren kamen auch über Benjamins Vertrauten Theodor W. Adorno im übertragenen Sinne wichtige Anregungen für die philosophischen Überlegungen der „Frankfurter Schule“ zurück in die Mainmetropole. Ihre Überlegungen führt Gerz in den auf dem Lesepult formulierten Fragen weiter: „Sind Schrift und Erinnerung eins, stehen sie füreinander, haben sie die gleiche Funktion?“ liest man dort beispielsweise, ebenso: „Darf der Fortschritt den Büchern gefährlich werden (nach Index, Zensur und Bücherverbrennung)?“
In den Installationen und Interventionen von Jochen Gerz spielen die Erinnerung, die Suche nach gemeinsamen kulturellen Grundwerten, die Technik des Fragens und nicht zuletzt die Beteiligung des Betrachters immer wieder essentielle Rollen. Hier fragt Gerz aus den von Benjamin entwickelten Perspektiven grundlegende kulturelle Werte an, die durch die Deutsche Nationalbibliothek geschützt werden. J.S.

Weiterführende Literatur Online:
Martin Seidel / Claudia Büttner / Johannes Stahl (Autoren), Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (Hrsg.): Kurzdokumentation von 300 Kunst-am-Bau-Werken des Bundes von 1950 bis 2013, BBSR-Online-Publikation Nr. 03/2018, Februar 2018.

Weiterführende Literatur:
Langen-Wettengl, Ruth / Jockel, Stephan, 2017: Zugabe - Kunst in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main, Frankfurt
Lehmann, Klaus-Dieter / Kolasa, Ingo, 1997: Deutsche Bibliothek Frankfurt am Main. Ein Dialog zwischen Architekten und Bibliothekaren, S. 114-115
Staatliche Neubauleitung Deutsche Bibliothek (Hg.), 1996: Die Deutsche Bibliothek Neubau, Frankfurt am Main, S. 26-27


Installation
Glas, Metallschienen, Lesepult; Regal
40 x 539 x 300 cm, Wandfläche 539 x 300 cm, Höhe Pult 120 cm
217.299 €
nicht-offener Wettbewerb / Einladungswettbewerb mit 14 Teilnehmern

Deutsche Nationalbibliothek
Terasse des Sitzungssaals
während der Öffnungszeiten zugänglich

Künstler : Jochen Gerz

Jochen Gerz (* 1940 in Berlin, lebt im Country Kerry, Irland) ist ein deutscher Konzeptkünstler. Gerz, der lange in Paris gelebt hat, ist weltweit mit seinen Arbeiten in Ausstellungen und Museumssammlungen vertreten. Als Künstler ist Gerz Autodidakt. Er arbeitet mit unterschiedlichen Medien und hat sich mit Texten, Neuen Medien, Installationen und Performances hervorgetan. Einen Schwerpunkt bilden seine auf Partizipation angelegten und gesellschaftlich engagierten Arbeiten im öffentlichen Raum. Zu diesen Projekten gehören Mahnmale gegen Rassismus und Faschismus in Saarbrücken (1993) und Hamburg-Harburg (1986), der „Platz der Grundrechte“ in Karlsruhe (2005) sowie der „Platz des europäischen Versprechens“ in Bochum (2004-2015). – Gerz war mehrfach Teilnehmer der Documenta sowie der 37. Biennale von Venedig (1976). Er wurde unter anderem mit dem Deutschen Kritikerpreis (1996), dem Ordre National du Mérite (1996) und dem Grand Prix National des Arts Visuels (1998) ausgezeichnet. Kunst am Bau im Auftrag des Bundes hat er für die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt (1996) und das Bundesministerium der Finanzen in Berlin (1999/2000) realisiert.

 

Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main

Deutsche Nationalbibliothek

Architektur: Mete Arat, Hans-Dieter Kaiser, Gisela Kaiser
Bauzeit: 1992-1996

Deutsche Nationalbibliothek
Adickesallee 1
60322 Frankfurt am Main
Hessen

Den 1981 ausgeschriebenen Architekturwettbewerb gewannen die Stuttgarter Architekten Mete Arat, Hans-Dieter Kaiser und Gisela Kaiser 1983 und erhielten auch den Planungsauftrag. Die Realisierung erfolgte 1992-96, eröffnet wurde der Bibliotheksbau 1997.